Sonntag, 13. April 2014

10. Der "Repeat-Button" oder We're up all night to get lucky, we're up all night to get lucky, we're up all night to get lucky, we're up all night to get lucky

***DER VORLIEGENDE TEXT IST DAS PRODUKT EINER VERLORENEN WETTE***

Seit genau einem Jahr bin ich nun als DJ in verschiedenen Clubs unterwegs - spiele meine Musiksammlung auf der Festplatte rauf und runter, nehme einige Vodkashots zu viel, lasse mich von Minderjährigen belehren, wie man noch mehr Bass mit dem Mischpult erzeugen kann oder werde von random Tussis angefragt, ob ich nicht doch noch ein VIP-Bändel für sie übrig habe. Nebst den offensichtlichen Bemerkungen, dass Minderjährige lieber zuhause bleiben sollten und dass einige Ladies von allen Knöpfen auf der Bluse profitieren könnten/sollten, sollte ich persönlich weniger trinken, um der dann bevorstehenden Trunkenheit ausweichen zu können.

Doch wie gesagt: das waren offensichtlichte Bemerkungen, die sowieso klar sind und niemanden mehr interessieren... Was Dich wahrscheinlich noch weniger interessiert, ist der Fakt, dass ich ein neues Hasslied gefunden habe, welches ich am Morgen als Weckerton einstellen kann, damit ich sofort aufstehe, um die scheussliche Melodie wegzudrücken. Effektivität.

Es ist von Daft Punks 'Get Lucky' die Rede. 

(Falls dies dein Lieblingslied ist: Links oben rotes Kreischen drücken, weil du einen Mac besitzst - oder so enden wie Ernest Hemingway)

Wir leben in einer Zeit, in der Ted Gioia kritisiert, dass sich die Musikkritik in eine Art Nischenprodukt entwickelt hat und nur noch Lifestyle Reporting ist. Da ich in letzter Zeit immer mehr über die Primitivität der Popmusik in den Charts wettere, haben sich einige Freunde zusammengeschlossen und mit mir eine Wette abgeschlossen, die ich natürlich verloren habe. Der Wetteinsatz ist der vorliegende Text: Eine Werkanalyse von Daft Punks 'Get Lucky' mittels Musiktheorie, die den Leser nicht zum Einschlafen verhelfen soll. Ich habe es versucht und bin dabei auf einige interessante Sachen gestossen...

Zuerst möchte ich auf die Wiederholfreudigkeit des Liedes eingehen. Wir finden hier einen versteckten Mittelfinger von Daft Punk in Richtung Hörgemeinschaft/Fans/Kritiker: Die vier Akkorde wiederholen sich ohne jegliche Alternationen wieder und wieder, Pharrells Gesangspuren und Niles Gitarrenspuren sind ein Produkt der Technik "Copy-Paste" in GarageBand. Es ist klar ersichtlich, dass Daft Punk nicht auch nur annähernd Innovationen oder Kreativität von den beiden Musikern verlangt hat. Ihr Motto: "Das ist Popmusik. Der Wiederhol-Knopf ist King. Du bist nur ein Stück Scheisse, das uns Geld gibt. Unsere Zeit ist wertvoller als deine." *Mittelfinger*

Ich möchte hiermit keineswegs beteuern, dass die beiden Franzosen von Daft Punk schlechte Musiker sind. Ganz im Gegenteil: Spätestens seit dem Filmscore von Tron: Legacy sollten alle Daft Punk-Hasser wissen, dass die auch wirklich Skills haben als nur nach I-IV-V-I-Schema der Stufentheorie Lieder zu schreiben. Auch grosse Komponisten wie Sergei Prokofiev oder Dimitri Shostakovich haben uns Hörer schon mit ihrer Musik ins Gesicht geschissen: Prokofiev fängt seine 1. Sinfonie in C an und wechselt nach einigen Takten ohne jegliche Modulationen und anderem Schnick-Schnack nach D. Mittelfinger für die Musiktheorie. Shostakovich geht sogar noch weiter im 4. Satz seiner 5. Sinfonie, die sogar vom Ministerium für Kultur - also Stalins Leute - kontrolliert wurde vor dem Publizieren. Der Kommunismus, der mittels dieser Sinfonie ihren Sieg über den Westen in Notenschrift beschrieben haben wollte, findet in den letzten Takten des 4. Satzes mit kleinen Änderungen der Akkorde sein tragisches Ende. Mittelfinger für Stalin. Doch ich bin wieder abgeschweift...

Nun, aus den Gründen, dass Daft Punk während 6:06 Minuten auf mich einredet, dass wir alle wach bleiben, um ein Happy-End erleben dürfen zu können, ist es hoffentlich nicht komisch, dass ich langsam aber sicher genervt bin von diesem Song. Diese Art von Copy-Paste war wohl genau das Gegenteil, wovon Walter Piston gesprochen hatte. Es ist fast so, als würde Daft Punk ein Fick auf alle Musiker im Raum geben und ihnen absichtlich ans Bein zu pissen, damit diese sich wieder zurück in ihr Klavierzimmerchen verkriechen und ihre Chopin Etüden üben. Wir Nerds gehen bei 'Get Lucky' nach Hause - Ihr Partytiere könnt weitertanzen.

Hier enden aber auch meine Buh-Rufe für 'Get Lucky' - Meinungen, die sich ohne intensiverem Beschäftigen mit dem Lied ergeben haben. Ein Blick aus der musiktheoretischen Perspektive ändert aber Vieles.

Ein interessantes Featurevon dieser Endlos-Schleife der vier Akkorde: Das Lied bitonal, besitzt also zwei Tonarten. Wenn mittels Stufentheorie das Stück analysieren, ist es unklar welcher Akkord die I Stufe repräsentiert! Der Song kann nämlich in zwei verschiedenen Tonarten gehört werden. Meistens tönt es, als wäre es die Moll-Version von A-Äolisch (Die Äolische Tonleiter aus den Kirchentonarten im 16. Jahrhunderts ist der Vorreiter der heutigen natürlichen Moll-Tonleiter) - die Tonleiter ist A B C D E F G - eine Form von a-Moll, welches als das dritte von den vier Akkorden auftretet (bei "We're up all night for good fun"). Jedoch ist der Anfang der Akkordfolge nicht a-Moll, sondern d-Moll - die Tonart, auf die das Lied immer wieder leicht zurückfällt (z.B. bei “I’m up all night to get some”). Das Bestehen von d-Moll kreiiert eine aurale Illusion, die den Hörer zeitweilen glauben lässt, dass der Song im Moll-Modus von D-Dorisch, d.h. D E F G A B C, komponiert ist. Man beachte, dass die D-Dorische Tonleiter die gleichen Töne beherbergt wie A-Äolisch. Für Dich extra dumm erklärt, die gleichen Tasten auf der Klaviatur. Der einzige Unterschied ist, auf welcher Taste man beginnt.


Also, jedes Mal, wenn die Akkordfolge von Neuem beginnt, zum d-Moll, wird unser Gehör ausgetrickst und wir bilden uns ein, dass der Song in einer anderen Tonart ist. Ein musikalischer Mittelfinger in dein Gesicht. Wäre 'Get Lucky' eine Person, dann wäre sie wie Cara: Bi.
Diese Bitonalität hört man auch als Laie ohne jegliche Kenntnisse oder gezieltes aurales Training. Weitere Beispiele wären Radioheads 'Pyramid Song' oder Public Image Ltds 'Poptones'.
Auch kann man beobachten, dass Daft Punk bei der Bridge des Songs einen klassischen Schachzug spielt. Sie überlappen den Hook vom Pre-Chors mit dem Hook vom Chorus. So hört man Beides gleichzeitig. Dies ist nichts Neues, sondern eine jahrhundertalte Methode der abendländischen Musiktheorie. Subjekt und Kontrasubjekt - Formen des Kontrapunktes. Zwei Melodien, die separat existieren sollten und zusammengefügt perfekt harmonisieren, zu finden, ist eine gigantisch schwere Aufgabe. Wie elegant Daft Punk dieses 'Problem' gelöst hat, sieht man im folgenden Bild, welches ich aus den Klaviernoten rausnotiert habe. Gezeigt werden Hook (Roboterstimme) und Pre-Chorus (Pharrell). Die eine Spur ist rhythmisch komplex, synkopiert und repetitiv bis ans Ende der Welt - die andere Spur ist direkt, simple und schön lang gezogen. Jede einzelne Spur tönt in sich perfekt geschlossen, dennoch harmonisieren sie separat wunderbar. Wer solche Beispiele an einer Kontrapunkt-Prüfung hinzaubert, wird bestimmt keine Note und 6.0 kriegen.

Abb. 1: Hook und Pre-Chorus überlappert gezeigt
Abschliessend, möchte ich noch eine wichtige Idiosynkrasie bzgl. dem Text von 'Get Lucky' aufzeigen. Dieser englische Song, von Franzosen geschrieben, teilt die identische Schönheit mit einem weiteren beliebten Franz-Song: Phoenix' 'If I Ever Feel Better'. Alleine, dass 'Get Lucky' schon unheimlich ähnlich tönt wie Phoenix', sagt noch Nichts (Phoenix' erstes Studioalbum hat sooooo viel von Nile Rodgers), so lass mich Dir den unglaublich harten Missbrauch vom Wort good  zeigen: "We’re up all night for good fun” versus “Remind me to spend some good time with you."
Erstens ist dies eine typisch französische Idiosynkrasie. Die Romantikmuffel von Englischmuttersprachlern fragen weder ihre Geliebten um eine "good time" miteinander zu verbringen, noch werden sie "good fun" als ihre Motivation zum Aufbleiben bezeichnen. Bei denen wären es noch viel eher "good fuck" oder "good booze" - oder einfach nur "tits". 
Zweitens, um doch sachlicher zu bleiben, ist das Wort good reimtechnisch an einer völlig unbedeutenden Stelle platziert. Good  ist ein Wort, dass entweder am Anfang oder am Schluss einer Phrase stehen muss. Man beachte Sir Paul McCartneys beispielhafte Platzierung vom Wort in "Good Day, Sunshine" - immer auf naturlange Silben setzen. Sprich: "GOODday, SUNshine.", sowie "I’m looking GOOD, you know she’s LOOKing fine." Wenn man nun Daft Punks “WE’RE up all night for good FUN.” damit vergleicht, entdecken wir ganze Galaxien dazwischen. Jedoch muss man sagen, dass exotischklingende Sachen noch eher Anklang finden bei uns. Vergleichbar mit einem betrunkenen Austauschstudenten, der versucht, Deutsch zu sprechen. Somit kein klarer Minuspunkt für Daft Punk, aber auf jeden Fall eine interessante Entdeckung.

Fazit für Daft Punks 'Get Lucky':
Gut durchdachtes, musikalisch (erstaunlich) anspruchvolles Stück. Jedoch drohen jedem, der sich dieses Lied bei meinem nächsten Gig wünscht, zwei Essstäbchen durch die Augen. Nach ausführlichen Analysen wie diesem hier - hoffentlich verständlich.

Danke fürs Lesen. Wer den Inhalt nicht geschnallt hat: Immerhin gibts ein Bild für dich!



Donnerstag, 13. Februar 2014

9. McDumm oder Der Zusammenhang zwischen Intelligenz und Ernährung


Ich war in letzter Zeit oft im Dönerladen oder im McDonald’s. Ich mag Döner und Burger. Obwohl ich eigentlich weniger Müll essen sollte, kann ich mich manchmal nicht davon abhalten – ich muss einfach in den Laden! Doch spätestens, wenn ich Mütter mit Kleinkindern am Abend im McDonald’s das Abendmahl verspeisen sehe, hört der Spass auf. Was tut ihr euren Kindern an? Zeit für mich, der Letzte, der was zu sagen hat bzgl. Fastfood, zum eine Portion Meckern® auszuhändigen. Wem das nicht passt, soll einfach zurück zu www.pornhub.com. Dort wo ihr immer seid.


Bei uns beruht die liebevolle Fütterung der eigenen Chindli nicht nur auf Nachgiebigkeit, sondern auf einer gehörigen Portion Unvermögen. In Supermärkten kann man Mama beobachten, die zehn Packungen M-Budget-Milchschnitten auf einmal in den Einkaufswagen legen. Vermutlich, weil sie glauben, das Zeugs sei ein gesunder Snack für die Schulpause. Solche Szenen erinnern mich immer an die tollen Reality-Sendungen von RTL, die fettleibige Mütter zeigen, die Würstchen als gesund bezeichnen, weil diese Fleischerzeugnisse angeblich Vitamine enthalten. Man kann nun argumentieren, dass diese Assi-Sendungen geskriptet sind, doch ähnliche Szenen verlaufen in unserem lokalen Supermarkt. Definitiv eine Überlegung wert...



Andere Mütter packen ihren Kindern die Pommes vom Vorabend in die Tupperware, wenn im Kindergarten ein gemeinsames Frühstück angesagt ist. Wenn die Kindergärtnerin nachfragt, antworten sie entrüstet: "Mis chind bechunnt aber nur die guäte! Vom Mc!" - Genau, denn es hat ja sicher auch ganz viele Vitamine drin!



Das Marketing des Fastfood-Giganten schlägt ein: Kinderpartys bei McDonald’s lassen gute Erinnerungen wach werden. Die Kundenbindung fängt bei denen früh an (UBS machts gleich). Bei Studien der LMU hat man herausgefunden, dass Kinder Produkte besser beurteilen, wenn sie in den Verpackungen von McDonald’s daherkommen, auch wenn ihnen in neutralen Verpackungen das Gleiche gereicht wird.


Falls Sie es bislang nicht geglaubt haben: Das Essverhalten ist der Beweis, dass es eine Welt jenseits von Sinn und Verstand gibt. Das Gleiche gilt beim Schuheinkauf der Frauen. Eigentlich müsste es den Eltern nämlich längst aufgefallen sein, dass das Kindergrossziehen hierzulande zu einer Art Mastbetrieb verkommt. Immerhin ist jedes siebte Kind hierzulande übergewichtig. McDonald’s reagiert in Amerika bereits auf die kleinen dicken Kunden mit Fitnesscentern in den Restaurants. Dort gibt es Sportgeräte, an denen sich die Kinder die überflüssigen Kalorien gleich wieder abtrainieren können. Das beste Beispiel ist jedoch die McDonald's-Filiale in Sankt Gallen am Marktplatz in der Altstadt. Über dieser McDonald's-Filiale wird ein Fitnesscenter betrieben. Man male sich nun das folgende Bild: Im Ergeschoss sieht man Gäste glücklich in den Burger beissen, während dem man durch die grossen Glasfenster im oberen Stock Mitmenschen auf Laufbändern beobachten kann. Für die Leser, die keine Fremdwörter verstehen: Das heisst Ironie (m, Subst.).



"Der Apfel ist das beste Znüni."

- Meine alte Lehrerin



Der Schaden, der Kindern mit schlechter Ernährung zugefügt wird, ist immens: Nach neuesten Studien wirkt sich mangelhafte Ernährung auch auf die Gehirnleistung aus (Wahnsinnsstudie!). Abgesehen von der schlechten Haut, die in späteren Jahren verhindert, dass wir attraktive Bettpartner finden, sinkt auch die intellektuelle Leistungsfähigkeit. Ernährung ist somit mehr als das genussvolle Mjam und Mampf des Gourmets – sie entscheidet mit darüber, was wir erreichen können. In anderen Worten: Man ist wird, was man isst.



Die neuere Generation erzieht ihre Kinder trotzdem lieber "praktisch" als gesund. Wenn wir als Eltern abends nach der Arbeit heimkommen, warten meistens eines oder mehrere hungrige Mäuler auf uns. Ich habe zwar keine Kinder, jedoch kenne ich ähnliche Szenen aus Vogel-Dokus. Ich mag Tier-Dokus: Sie sind toll gefilmt, dazu kommt noch die tolle Musik im Hintergrund und...ich schweife ab. In diesem Fall ist es egal, ob man alleinerziehend ist oder Doppelverdiener – man hat dann einfach keine Lust mehr, sich noch lange an den Herd zu stellen. Fastfood ist in der Regel die pragmatischere Lösung, und das wird häufig auch noch vor dem Fernseher eingenommen. Gemüse gibt es dann höchstens aus dem Tiefkühler, und der "frische" Salat kommt aus der Tüte von Findus. Dabei ist erwiesen, dass frisches Obst und Gemüse, das nicht in einer Plastiktüte daherkommt, am ehesten Lust auf gesunde Ernährung machen. Mit unserem Tiefkühl- und Tütenwahn bieten wir unseren Kindern ein schlechtes Vorbild für den Verzehr von ungesunden Speisen. Es gilt: erlaubt ist, was schmeckt. Ein typisches Fastfood-Essen hat etwa 1400 Kalorien und enthält 85 Prozent der empfohlenen Fettmenge für einen Tag, aber weniger als 40 Prozent der nötigen Ballaststoffe. Das ist der Grund, weshalb Fastfood nicht so lange satt macht.


Ist der Schaden erst einmal angerichtet, hält er jedoch für ein ganzes Leben. Das erlernte Verhalten wird fortgesetzt und verstärkt: Je älter die Kinder werden, desto häufiger verzehren sie Cheeseburger und Konsorten und platzen irgendwann aus allen Jeansnähten.


Wenn Sie Ihr Chindli vor einem bösen und sündhaften Essfehler schützen wollen, sollten Sie ihm frühzeitig eine kleine Überlebenshilfe mit auf den Weg geben. Und wenn Sie keine Kinder haben, zeugen Sie doch welche!


Weil guter Rat jedoch bei der heutigen Generation in vielen Fällen auf mit weissen Apple-Kopfhörern verstopfte Ohren stösst, hält Adipositas in unseren Kinderarztpraxen immer häufiger Einzug, wie eine Ärztezeitung berichtet. Und Adipositas ist keine Kleidermarke. Es handelt sich vielmehr um das Phänomen Fettleibigkeit. 



„Fette Kinder sind schwerer zu kidnappen.“

- Graffito


Seit 1982 ist die Quote der Fettsäcke um 5 Prozent gestiegen. Den Fatties Schuldgefühle einzureden, wie es manche Vollpfosten-Eltern gerne tun („Hör uf ässe, du bisch so fett!“) ist pädagogisch und psychologisch vollkommen sinnlos und führt nur zu Essstörungen. Das Geld für den späteren Therapeuten oder die Beerdigung sollte man deswegen früher investieren: in gesunde Nahrung und einen Sportkurs und Mathematiknachhilfe und Klavierunterricht und Ballettkurse, für deren Wettbewerbe und Anmeldekosten.


Denn zusätzlich zum kalorienreichen und hastig gemampften  Essen werden immer weniger Kinder und Jugendliche von ihren Eltern angehalten, sich zu bewegen. Egal, was man von Games und manchen Filmen hinsichtlich ihres Gewaltpotenzials denken mag – sie verhindern auf jeden Fall erfolgreich, dass deine Kinder sich bewegen. Ich persönlich mag Stealth-Shooter-Games, wo man sich von hinten unbemerkt an einen Gegner anschleichen kann und diesen anschliessend auf brutalster und gleichzeitig kreativster Weise umbringen darf. Dabei sind Kinder aus ärmeren Familien benachteiligt, wie eine Studie der Universität Freiburg zeigt: Sie treiben weniger Sport, laufen eher Gefahr, Zigaretten zu konsumieren und hocken länger vor dem Kasten (heute Flachbildschirm). Ebenfalls Wahnsinnsstudie! Der Nachwuchs geht auf wie ein Gipfeli, und das setzt sich in vielen Fällen bis ins Erwachsenenalter fort. Da habe ich noch viel lieber diese Bahnhof-Hänger-Jugendliche...naja, nicht wirklich.


Doch auch für Familien mit mehr Knete gilt oft: Draussen spielen ist out, und keiner sagt was gegen die Wohnzimmer-Hängerei. Aber wer nicht geschmeidig bleibt, der hat schlechte Karten im Gesundheitspoker.Das Sofa-Chillen sorgt unter anderem dafür, dass Kinder für ihr Alter normale Bewegungsabläufe nicht mehr beherrschen. Eine Lehrerin berichtet, dass nur wenige Erstklässler rückwärtslaufen können, und eine Kindergärtnerin beklagt sich darüber, dass die Kleinen immer umfallen, wenn sie auf einem Bein stehen sollen. Letzteres hat mich zwar erfolgreich vom Schwiizer Militär abhalten können, ich beklage mich nicht, aber ihr wisst, was ich meine. Wenn die motorischen Fähigkeiten versagen, dann weiss ich auch nicht mehr weiter...


Bewegung spielt sich heute mit den Fingern ab: Sie konzentriert sich auf Homebuttons von iPhones,  Tastaturen, Joysticks und gewisse Körperteile. Und das ist schlecht für das Gehirn, denn es muss Glukose aufnehmen können, um sich fit zu halten. Die Aufnahmefähigkeit wird durch Bewegung erhöht. Wenn dieses sinnvolle Organ, das bei Licht betrachtet keine Schönheit ist, die Glukose nicht aufnehmen kann, wird es nicht genügend durchblutet, und die Gehirnzellen sterben ab. So manche Beispiele haben wir da draussen in der weiten Welt, die uns zeigen, was das genau bedeutet.

Computerspiele oder Fernsehen sind daher ausser für Übergewicht, Ungelenkigkeit und Kurzatmigkeit im Zusammenspiel mit der falschen Ernährung für so manche Lernschwäche verantwortlich.


An der geringen geistigen Leistungsfähigkeit der neueren Generationen und deren Nachkommen scheint ausserdem der Botenstoff Dopamin (seit Julia Engelmanns Slam-Video kein Fremdwort mehr) nicht ganz unschuldig zu sein. Der Erfolg bei Lernprozessen wird mit einer Ausschüttung von Dopamin belohnt – ein Aha-Effekt wird spürbar. Doch unsere Kinder sind durch Computerspiele und dem schnellen Zappen beim Fernsehen reizüberflutet. Dopamin wird zu häufig bei nebensächlichen Tätigkeiten ausgeschüttet, und damit leidet die Erinnerungsfähigkeit – denn Dopamin sorgt unter anderem dafür, das Wissen vom Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis zu übertragen.


Die Gehirnareale, in denen Gelerntes gespeichert wird, werden beim Computerspielen und Fernsehen von dem Botenstoff überschwemmt. Gelerntes konkurriert so mit einem Brei aus tausend anderen Reizen. Je mehr Medienkonsum und somit schnelle Reize vorhanden sind, desto eher zieht das Wissen den Kürzeren. Und so trennt die Chindli eben immer nur ein M vom Doofsein.


Ihre Eltern trennt nur die Lustlosigkeit von der Einflussnahme. Die Neuen haben keinen Sinn für die Kontrolle, die ihre Alten als Kinder erfahren haben.


„Ich habe es früher gehasst, wenn meine Mutter mich nach draussen geschickt hat“, gesteht meine Freundin S.B., 25 Jahre alt. „Mindestens eine Stunde an der frischen Luft, hiess es dann immer.“ Vielleicht kauft S. später ihrem Nachwuchs so ein tolles Gadget wie das „Trimmrad mit Videospiel“, das ein Discounter im August 2007 für knapp 100 Franken anpries. „Verkehrserziehung und Rennspiele im Wohnzimmer“ – damit hob der Prospekt die Vorzüge des Dings hervor, das bereits für Vierjährige geeignet sei. Sohnli und Tochterli müssen dann gar nicht mehr nach draussen und können weitere Stunden vor einem Screen verbringen, während ihnen auf dem Kindertrimmrad die Füsse einschlafen.


Solche interdisziplinäre Problemlösungsansätze und eine solche Einstellung zu Fitness gehen auf Kosten der lieben Fatties. Die Gründe für die Bewegungslegasthenie der heutigen Chindli sind somit bei ihren Eltern zu finden. Wenn man beispielsweise auf einer Party das Thema Sporttag anspricht, gibt das in manchen Fällen ein grosses Gelache: „Ich hab den Ball beim Werfen immer hinter mich geschmissen“, gesteht der eine oder andere unter Lachen. »Sieger-Urkunde – so ein Bullshit! Es hätte Loser-Urkunde heissen müssen«, kichert man fröhlich. Bei dir war es nicht so? Dann bin ich wohl der Einzige da...


Dennoch liegen hier die Wurzeln einer weit verbreiteten Bewegungsphobie unter jungen Erwachsenen. Viele von uns wünschen sich zur Aufarbeitung dieses Traumas eine erneute Chance, die sportliche Demütigung wettzumachen. Und weil ProSieben das auch schon mitbekommen hat, haben sie 2006 gleich eine Show daraus gemacht: Moderiert wurden Die grossen ProSieben Bundesjugendspiele von Oliver Pocher. Jetzt heisst die Sendung Schlag den Raab oder Circus Halligalli.


All das hat uns gelehrt: Sport ist (k)eine Lösung. Aber kein Sport ist auch keine Lösung. Mindfuck. Kinder müssen sich bewegen – und auch wenn die Eltern Bewegung in ihrer eigenen Jugend nur widerwillig ertragen haben, ist das kein Grund, die Kids vor der PS4 dahinvegetieren zu lassen. Wir tun ihnen keinen Gefallen, wenn wir ihnen die Muskelmühe ersparen. Sich zu bewegen, kann Freude machen. Und der eigene Fail fällt auch nicht so unangenehm auf, wenn der Sportwissenschaftler mit dem Fernsehteam eines Privatsenders in die Sportstunde kommt und feststellt, dass die Kleinen schon an der Sprossenwand versagen.


Unsere Kinder müssen endlich wieder das Toben lernen. Und damit ist nicht die Disco gemeint. Schon zu Hause, und nicht erst mit Notfallprogrammen wie der Aktion „Bewegte Schule“, wie es sie zum Beispiel bei mir in der Sekundarschule hiess. Hier werden Coachs für Ernährung und Bewegung an Schulen eingesetzt.


Aber vor allem müssen die Neuen die Bewegung und den gesunden Lebensstil vorleben, denn Kinder brauchen Vorbilder. Und wenn Mama und Papa zu blöd sind, die richtige Vorbildfunktion zu übernehmen, dann leisten sie sich damit den grössten Patzer in der Erziehung.

Falls du, lieber Leser, nicht zu den zuvor beschriebenen,  voller Bewegungsphobie erfüllten Menschen gehörst, darfst du dir auf die Schulter klopfen und vor allem deinen Eltern ein Dankeschön sagen. Denn diese haben wenigstens diesen Teil der Erziehung richtig gemacht.

„I love you like a fat kid loves cake.“
- 50 Cent





Nächstes Mal schreibe ich wieder über Brüste und Alkohol. Versprochen.

Sonntag, 15. Dezember 2013

8. "Der Ring" oder "Hochzeiten, andere Katastrophen und reaaaaal love"


Hello world! Ich melde mich nach fast einem Jahr wieder zurück mit meinem Blog und beriche nun wieder leidenschaftlich über jegliche Scheisse in und rund um meinem Leben. Der Grund meiner Abwesenheit war die alte Dame, die ich über die Strasse begleiten musste - oder besser gesagt: sollte. Doch nun zum 'real deal':

Update zu meiner Person: Über 1 Jahr glücklich single gewesen und nun läuft da eine draussen herum und verdreht mir kürzlich den Kopf. Da stellt sich nun als Anti-Romantiker die Frage: Wäre die Welt wirklich schöner, wenn es keine Liebe gäbe? Ich glaube es nicht. 

Die Liebe mag uns zwar manchmal wie eine üble Erfindung erscheinen, trotzdem brauchen wir sie. Körperliche Zuwendung tut dem Immunsystem gut, und solange wir uns nicht wie in den Staaten zu einer sogenannten Kuschelparty (oder Orgie), treffen, sind wir gezwungen, allein auf die Suche nach Streicheleinheiten zu gehen. Ein Partner kann da nicht schaden. Dumme Sache.

Doch machen wir uns nichts vor: Niemand ist (rechtlich gesehen) zurechnungsfähig, wenn er/sie frisch verliebt ist, ganz gleich, wie blöd. Aber was geschieht, wenn wir es mittels oder trotz unserer ungelenken Liebesbezeugungen auf einigen Umwegen doch noch geschafft haben, das Herz eines anderen Menschen zu gewinnen? Und was, wenn wir unser Liebesboot in den Hafen der Ehe steuern und uns das Ding dann mit Vollgas gegen die Mauer knallt (Kommentare zu meinem Autounfall könnt ihr euch sparen...)? 


"Die Ehe ist ein Vertrag zum wechselseitigen und ausschliesslichen Gebrauch der Geschlechtsteile zwischen Mann und Weib."

- Immanuel Kant 


Apropos Ehe: Mit dem verbindlichsten aller Liebesschwüre haben wir so unsere Probleme. Manchmal ist schon der vermeintliche Anfang des Glücks der Beginn einer Reise ins Nichts. Ich habe zum Beispiel folgendes Szenario erlebt: Vor dem Tor einer Kirche in Zürich hatten Freunde eines frisch verheirateten Paares ein Plakat mit der Aufschrift "Auf zur letzten Etappe" aufgehängt. Ich finde, hoffnungsfrohe Wünsche für eine gemeinsame Zukunft sehen anders aus. In solchen Fällen ist in Sachen Hochzeit Skepsis angebracht. 



Es gibt Fälle, in denen die Feierlichkeit glatt geht, es ein Happyend gibt und das Paar in den siebten Flitterwochenhimmel entschwindet. Dann ist alles gepackt, die Gäste sind glücklich und das junge Paar müsste sich eigentlich nur noch auf die gemeinsame Zukunft freuen. Doch stattdessen fühlen die beiden sich verpflichtet, alle auf dem Laufenden zu halten. Kaum an ihrem Flitterwochenziel, der Karibik, angekommen, ortet sich das Liebespaar per GPS mit dem Smartphone und postet "Mir sind acho in XYZ" ins Facebook. Am beste miteme härzige Bildli! Und dann werden Massenmails verschickt, damit auch die, die kein Facebook haben berücksichtigt werden.


In der ersten Mail erzählt Frau stolz, dass sie zuvor eigens einen Verteiler namens "Hochzeitsgäste" angelegt hätte, um auch niemanden zu vergessen. Sie schreibt, dass sie gut angekommen seien, dass das Wetter super sei und so fort – drei DIN-A4-Seiten lang ist der Reisebericht und strotzt nur so von Langeweile.

Warum verfasst man nicht wenigstens eine erotische Geschichte über ihre Hochzeitsnacht? Oder sassen sie da auch am Computer? Hoffentlich nicht, denn eigentlich sollte man sich als frischvermähltes Paar auf dem herzförmigen Bett eines Hotels räkeln und von der schönen Landschaft und dem Computer in der Lobby frühestens am Abreisetag etwas sehen. Zwischendurch darf man höchstens eines oder zwei Eingeborenendörfer besichtigen, um danach gleich wieder in den Freuden des jungen Eheglücks zu schwelgen.


Warum haben wir (oder ich) so grosse Probleme damit, einfach ganz gewöhnliche Liebesbeziehungen zu führen – sich verlieben, verloben, verheiraten, ohne die übrige Welt ständig über die eigene Befindlichkeit in Kenntnis zu setzen? Warum muss unsere Generation den Partner bei jeder Gelegenheit mit dem eigenen Ego oder der Kuschelmanie verprellen, oder gleich jedes paarungsfähige Subjekt bespringen, das die Strasse kreuzt und im Club tanzt? Männer, die in den Club laufen sehen zum Teil aus wie Hunde - mit herausgestreckter Zunge. Lust nach Beute und Frischfleisch. Da hat Martin Garrix recht, auch wenn er weniger Jahre auf dem Buckel hat wie die meisten Leser hier: Animals.


Der Unterschied zwischen uns und vorherigen Generationen ist der, dass wir Animals nicht wie in früheren Zeiten auf eine grosse Lovestory aus sind, sondern dass wir die Problematisierungsstrate- gien von Doku-Soaps wie Der Bachelor übernehmen. Unser Lebenspartner steht unter ständiger Beobachtung, wir nehmen jedes kleinste Detail unserer Beziehung unter die Lupe, in alles und jedes interpretieren wir etwas hinein. Das Drama regiert wie in den Fernsehserien: Die lesbische Blondine aus dem ersten Stock, deren leukämiekranker Bruder gerade im Koma liegt, leidet Höllenqualen, weil sie sich in den Inhaber der Wäscherei Müller verliebt hat, einen alleinerziehenden Vater. Quälende Therapiegespräche über ihre kaputte lesbische Langzeitbeziehung folgen. Nach der hemmungslosen Vereinigung mit dem Wäscher folgt die tränenreiche Versöhnung mit ihrer Freundin ... *Sexszene folgt* So kennen wirs aus dem Fernsehen, und genau das Gleiche erwarten wir von unserem eigenen Leben. Wir sind nicht glücklich ohne Drama – aber mit Drama auch nicht.

Die Fernsehserie schlägt den Film als Vorbild für reale Liebesfiguren. Wir übernehmen die Liebes- und Streitkultur aus Soaps, die das echte Leben nachahmen. Wirklichkeit und Fiktion vermischen sich schnell, und wir können bald nicht mehr zwischen Drehbuchdrama und wahrer Liebe unterscheiden. Warum wir uns überhaupt die Mühe machen sollten, uns auf jemand anderen einzulassen und mit ihm zusammenzuleben, vergessen wir dabei schnell.

Wenn man sich die Bedingungen für die moderne Liebe und den Öffentlichkeitswahn ansieht, möchte man für sein Liebesleben am liebsten einen Privatkanal wählen. Doch wie wir nur zu gut wissen, läuft da nach 20:00 Uhr bloss noch unverbindlicher Sex. Wie finden wir zurück zu einem romantischen Liebesverständnis?

In der Liebe gibt es leider keinen Pfand. Jeder kennt das frustrierende Gefühl, das zurückbleibt, wenn eine Beziehung den Bach runtergeht: All das, was man mal investiert hat, verschwindet auf alle Ewigkeit im schwarzen Loch der Liebe.

Die Liebe ist jedoch wie die Megaman-Reihe ein grosses Trial-and-Error-Spiel. Bis man den Partner fürs Leben gefunden hat, muss man so einige Nullnummern in Kauf nehmen. Wie es richtig geht, merkt man erst nach ein paar Anläufen. Aber wenn wir erst mal wissen, wo die Tücken liegen, können wir versuchen, sie zu vermeiden. Man ist ja nicht gezwungen, seine Zeit damit zu verschwenden, die Kosenamen seines Liebsten im Internet zu veröffentlichen.

Es liegt an uns. Wenn wir uns ein wenig verantwortlicher für unser Liebesleben und unseren Partner fühlen, dann wird er oder sie uns ebenfalls Respekt entgegenbringen. Ich zitiere hier gerne die Bildunterschrift einer Freundin auf Facebook:
 
"I often wonder, if more girls were willing to be ladies, would more guys feel challenged to be gentlemen?"
- Freundin auf Facebook

Bisher hatten wir jedoch ein Paradox für uns gepachtet: Wir wissen, es erträgt uns nur jemand, der uns wirklich liebt. Wenn wir diese Person gefunden haben, dann benehmen wir uns jedoch so, als wollten wir sie gleich wieder in die Flucht schlagen. Schön blöd, oder?

Anspruchshaltung, Egomanie und Ruppigkeit werden auf Dauer nirgendswo hinführen. Wir müssen unserem Partner gegenüber wieder mehr Mitgefühl zeigen. Mitgefühl heisst jedoch nicht, ihn oder sie zu einem unmündigen Kuscheltierchen oder Spielzeug zu erniedrigen. Wir müssen unser Gegenüber ernst nehmen, mit seinen Bedürfnissen, seinen Leidenschaften, seinem Wesen – auch wenn das altmodisch klingen mag. Respekt ist beispielsweise einer der Grundsteine des Hip-Hop – wie Love, Unity, Peace und Toleranz – und daher gar nicht unmodern (obwohl wir nur noch Avicii hören). Und seinen Partner zu respektieren ist eigentlich gar kein so schlechter Gedanke, wenn auch die Medien mitspielen würden und diese Haltung statt Sensationslust und Schamlosigkeit mehr in den Vordergrund stellen würden.

Es bleibt die Frage nach dem richtigen Partner. Das Leben ist kurz, und man hat ja schliesslich nicht ewig Zeit. 

Was wir allerdings übersehen: Ewig wieder von vorn anzufangen kostet unglaublich viel Zeit. Dämliche und kindische Beziehungen sind vielleicht ein Grund für den Kindermangel (bei Intellektuellen zumindest) in der heutigen Zeit. Die Beziehungsdauer ist einfach nicht lang genug fürs Kinderplanen und -bekommen. Lassen wir uns deshalb wieder richtig auf jemanden ein und lernen ihn oder sie kennen. Und wenn es nicht der oder die Richtige ist, dann sollten wir warten, anstatt das Glück zu erzwingen. Wir täten besser daran, eine Weile Single zu sein, um herauszufinden, was und wen wir wirklich wollen.


Wir selbst sind die Einzigen, die Verantwortung für unser Liebes- und Sexualverhalten übernehmen können, denn das tut sonst nicht mal Durex®. Die "anderen" sind unerheblich, egal ob sie uns einreden wollen, dass unsere Beziehung spiessig ist oder dass wir uns wie der letzte Idiot aufführen, weil wir mit dem Handy Liebesbotschaften hin und her whatsappen, bis der Daumen brennt. Feste Bindung sucks? Unverbindlichkeit rules? Nur wir allein können entscheiden, wen und wie wir lieben.

Versuchen Sie, Ihre Angebetete oder Ihren Angebeteten mit Feinfühligkeit und geistiger Reife auf Ihre Seite zu ziehen: Sätze wie "Hey, bei mir in 20 Minuten?" können zwar grössere Missverständnisse verhindern, machen sich aber beim Objekt der Begierde nicht so gut.

Wenn wir uns bei der Partnerwahl nicht allzu blöd verhalten, ist das für uns persönlich ein kleiner, schmalziger Schritt ins Glück, aber ein grosser Schritt für die nächste Generation. Denn Liebe und Sex sind hilfreich bei der Verbreitung der eigenen Gene. Mit dem richtigen Partner können wir auch (un)endlich Kinder bekommen.

Also doch ein grosses Happyend? Mitnichten.

Wenn die Blagen erst mal Sauerstoff geschnuppert haben, setzt der Ärger ja erst richtig ein. Dumme, die erziehen, sind schlimmer als Dumme, die gar keine Kinder kriegen. Und blöde Eltern, die ihr Handwerk nicht verstehen, gibt es in der heutigen Zeit leider mehr als genug. 

Happy Weihnachten und Kinderkriegen wünsch ich euch!

Samstag, 22. Dezember 2012

Intermezzo 1: Qualitätsschlagzeilen der Blick-Zeitung


Blick - Die einzige Zeitung, die kein Blick wert ist



iPhone
Wo ist der Ausschaltknopf? 

In iranischen Hoheitsgewässern
Finnische Angler festgenommen 

Knoblauch gegen AIDS 
Gesundheitsministerin sauer

Hier die Bilder
Gummistiefel-Weitwurf WM in Berlin!

Bauern quälen Schwäne
So gemein!
 
Was Touristen alles klauen
80 Kilogramm schwere Goldbadewanne aus Hotel verschwunden

Geschlossene Fonds
"Der Zweitmarkt ist unglaublich intransparent"

Sekten
Australier will nach Gehirnwäsche Niere spenden

Totgeprügelt
Amerikaner hielt Pfau für Vampir

Fussball
"Slowaken-Klinsmann" stapelt tief

Donnerstag, 20. Dezember 2012

7. Weltuntergang Spezial: Kinderlos ist das beste Los

Gute Gründe sind nicht von schlechten Eltern – Die besten Ausreden für Kinderlose 



Es ist traurig, aber wahr: die Welt geht unter. Darum setze ich diesen letzten Artikelr alle, die keine Kinder haben und gerne welche gehabt hätten, in die Welt. In der Hoffnung, dass sie einen schöneren Tod haben werden!
 
Nun, ist es denn wirklich wahr, dass wir keine Kinder wollen und Familie spiessig finden? Bisweilen kommt es einem so vor, als ob die Kinderlosigkeit und die demografische Entwicklung die Erfindung irgendeines weltfremden Statistikers (nein, es war nicht Gott) wären, der ein bisschen zu tief ins Glas geschaut hat. Ein geburtenschwacher Jahrgang soll den nächsten jagen? Kaum zu glauben, wenn man am Uetliberg in einem Café sitzt, wo einem die Blagen um die Beine wuseln. Wenn so ein putziger kleiner Schreihals einem die Fingerchen entgegenstreckt, die gerade noch den Inhalt der eigenen Windel erforscht haben, möchte man statt Bewunderungsrufe auszustoßen lieber Ferien auf Desinfektionsmittel machen. Gebt es alle zu! Mitunter würde man sogar am liebsten eine Petition für die Kinderlosigkeit der schweizerischen Akademikerinnen unterschreiben, die am Nebentisch gerade über die Erfahrungen aus dem Kinderkriegen-Kurs sprechen und darüber, dass das Kinderkriegen zwar auch eine Verantwortung gegenüber der Gesellschaft ist, aber vor allem soooo erfüllend. 


"Das Beste an den Kindern von Verwandten ist, dass sie am Schluss nach Hause gehen."  

- Sir Cliff Richard 


Doch die Statistik hat recht, und die eigene Wahrnehmung trügt. Mütterballungsgebiete wie die Stillcafés am Uetliberg (bester Hügel der Welt) und anderswo sind nicht repräsentativ für den Rest Helvetiens. Sie zeigen nur, dass bestimmte Bevölkerungsgruppen keine Hemmungen mehr haben, mit ihrem Nachwuchs am öffentlichen Leben teilzunehmen. 

Das Institut für Bevölkerungsforschung des Bundes ermittelte in der Studie Kinderwünsche in der Schweiz 2009 - Konsequenzen für eine nachhaltige Familienpolitik, dass die Schweizer im Vergleich zu anderen Europäern den tiefsten Kinderwunsch haben. Anders als Frauen aus Polen und Finnland, die im Schnitt mehr als zwei Kinder möchten, pendelt sich der Kinderwunsch der schweizer Frauen zurzeit bei einem Mittelwert von 1,2 Kindern ein. Männer wollen sogar noch weniger Kinder, was ich absolut verstehen kann und mitfühle. Das Institut für Freizeitforschung der Universität Genf fand heraus, dass immer weniger junge Männer eine Familie gründen und Verantwortung übernehmen wollen. Denn Heirat + Kind = Ende des Lebens.

 

"Arbeit Bildung macht frei"  

- Graffito auf der Berliner Mauer


Dr.Ingrid Hamm, die Geschäftsführerin der deutschen Robert-Bosch-Stiftung seit 2003, nennt im Vorwort der Studie noch einen anderen Grund für die geringe Lust auf Nachwuchs der zeugungsfähigen Menschen in der Schweiz: Nicht nur die sozialen und politischen Rahmenbedingungen seien alles andere als ideal. Vor allem schränkten Kinder den persönlichen Spielraum ein, und dies sei vor allem für die befragten Frauen ein Grund gewesen, sich gegen Nachwuchs zu entscheiden. Die Zauderer möchten also nicht auf den gemütlichen Sonntagmorgen und die Karriere im Marketingbereich verzichten nach einem Studium an der Universität St.Gallen (HSG). Sie wollen ihr hart verdientes Geld nicht in Babyfläschchen und Babykindersitze stecken, sondern lieber in eine rosafarbene Louis Vuitton Alma oder ein Paar Giuseppe Zanottis.

Das Motto lautet doch: Wir wollen Spass, keine Herdprämie. Und wir wollen ihn uns nicht durch die Fürsorgepflicht für einen kleinen Schreihals verderben. Die heutigen Kindchen sind nämlich besonders hsam geworden. Sie werden verdutzt schauen, wenn der Marcel zum dritten Geburtstag sich ein iPad 6 wünscht. Und das mit Hundeblick. Probleme HATTEN Sie...

Bevor man also seinem mühsam und schmerzvoll in die Welt gepressten Kind (Zum Glück bin ich männlichen Geschlechts) einen so tollen neuschweizer Namen verpassen kann wie Xherdan Meier oder Gökhan Müller, muss man sich erst mal dazu durchringen, die eigenen Ansprüche aufzugeben.


"Ich hab zwei kleine Kinder zu Hause, das ist für mich Unterhaltung pur! Das geht beim Frühstück los und hört auf, wenn sie ins Bett gehen."

- Franz Beckenbauer 


Eine schwere Entscheidung, denn zwischen dem Moment, an dem das erste richtige Gehalt auf dem Konto eingeht, und dem letzten Tick-Tack unserer biologischen Uhr liegt leider nicht allzu viel Zeit. Nach dem Studium oder der Ausbildung wollen erst mal eine Reihe unbezahlter und nach sechs Wochen ins Unendliche verlängerte Praktika absolviert werden, und das erste Gehalt von etwa 2000 Franken netto verdient diesen Namen nicht – es ist nicht viel mehr als eine magere Aufwandsentschädigung. Das Taschengeld, das uns der Arbeitgeber zahlt, ist jedenfalls kein gutes Argument, um eine kinderreiche Familie zu gründen – vor allem, wenn man erst mal eine Weile in dem Beruf arbeiten möchte, den man erlernt hat. "Keiner hat die Generation Praktikum darauf vorbereitet, dass es für sie auch mit zwei Einkommen nicht für Kinder reicht", so die Chefin der Zeitschrift Eltern im Gespräch mit der Süddeutschen Zeitung.

Wir brauchen unser Geld selbst. Ich kaufe zum Beispiel gerne Instrumente, und die kosten... Sind wir deshalb alle Egoisten? Oder sind unsere Ansprüche einfach zu hoch? So oder so, es gibt genügend Gründe dafür, lieber kein Kind in die Welt zu setzen. Also können Sie in Ruhe kinderlos auf den Weltuntergang warten:


Acht gute Gründe gegen Kinder

  1. Kindheiten sind immer verkorkst. Bevor Sie nicht ein erkleckliches Sümmchen für den späteren Psychotherapeuten angespart haben, können Sie natürlich auch kein Kind in die Welt setzen.
  2. Ein sehr guter Grund ist natürlich die Klimakatastrophe. Wirbelstürme, Flutkatastrophen, Hagelschlag: Schon bald wird es nicht mehr möglich sein, sich mit Freundinnen und deren Kindern auf ein gemütliches Schwätzchen im Park zu treffen. Viel zu gefährlich, die Welt da draussen. Brr...
  3. Wenn Ihr Kind in die Pubertät käme, und diese Phase wird kommen, kommt Ihr Partner gerade in die Midlife-Crisis. Irgendwann wollen Sie doch auch mal Zeit für sich haben.
  4. Die Gentechnik ist noch lange nicht so weit, um Ihrem Nachwuchs auf dem konkurrenzreichen und asiatenreichen Arbeitsmarkt einen echten Vorsprung zu verschaffen.
  5. Verweisen Sie auf das Patenkind in Afrika, dem Sie Ihre gesamte Freizeit opfern. Für solche Patenkinder spricht ausserdem, dass sie steuerlich voll absetzbar sind.
  6. Sie haben ein echtes Platzproblem: Wo sollen Ihr Diätplan und die Einkaufsliste hin, wenn an der Kühlschranktür lauter selbst gemalte Bilder hängen? Gesundheit soll stets an erster Stelle stehen!
  7. Flügel und ein geiles Auto, oder doch lieber einen kleinen Schreihals, der Ihnen ins Gesicht pinkelt. Und das während dem Windelnwechseln...
  8. Sie hatten eine schwere Kindheit und müssen erst ausgiebig Ihre Pubertät nachholen.
Egal, welcher Grund nun tatsächlich für die niedrige Geburtenrate in der Schweiz verantwortlich ist – man sollte sich tunlichst von seinen diesbezüglichen Vorurteilen verabschieden. Es stimmt nämlich nicht, dass der Kinderwunsch bei Fussballfrauchen überdurchschnittlich stark ausgeprägt ist und dass Akademikerinnen sich weniger nach Kindern sehnen als andere Frauen. Das stimmt nicht...

Bei Akademikerinnen tritt der Kinderwunsch in vielen Fällen meistens später auf als bei anderen Mitfrauchen. Viele Studien lassen ausser Acht, dass die 25-jährige Medizinstudentin, die man befragt, noch über zehn Jahre Zeit hat, sich für oder gegen Nachwuchs zu entscheiden. Ob sie sich ihren Kinderwunsch später zwischen dreissig und vierzig erfüllt, darüber geben die meisten Studien keinen Aufschluss. Erst das Sozio-ökonomische Panel (SOEP), eine wissen- schaftliche Untersuchung, die vom schweizerischen Bund und den EU-Staaten (tritt doch der EU bei, liebe Schweiz...erspart mir so manches Tippen) finanziert wird, befragte dieselben Personen mehrmals über einen bestimmten Zeitraum hinweg und berücksichtigte so Entwicklungen in deren Lebenslauf. Das SOEP kommt zu folgendem Schluss: Weniger als 30% der Uni-Absolventinnen bleiben wirklich kinderlos, viele von ihnen bekommen ihre Kinder jedoch erst recht spät. Mit Ende dreissig. 

Wahrscheinlich wägen die Ex-Studentinnen nicht nur länger ab, ob es der richtige Zeitpunkt ist, sondern auch, ob sie den richtigen Mann gefunden haben. Sie kämpfen mit ihrer Unentschiedenheit so lange, bis sie eingesehen haben, dass es das Ryan Gosling-Körperdouble mit dem Intellekt von James Franco (derzeit im Ph.D-Programm von Yale) in ihrer näheren Umgebung nicht gibt. So beschliessen sie sich, den Doktor-Titel zu machen. Bevor Frau Doktor vierzig wird, muss eine praktische Lösung her: Besser ein langweiliger Partner mit bildungsbürgerlichem Hintergrund zum Kinderzeugen als gar keiner!
Aber auch bei den Männern liegt einiges im Argen. Von ihnen ist in den Studien selten die Rede, obwohl sie immerhin zur Hälfte am Zeugungsvorgang beteiligt sind. 

Man kann es drehen, wie man will, aber die Y-Chromosomen-Träger haben einfach länger als ihre weiblichen Gegenstücke die Möglichkeit "Naja. Jetzt noch nicht" zu sagen, wenn es ums Zeugen geht. Die Brigitte-Redakteurin Maike Dinklake stellt in ihrem Buch Der Zeugungsstreik den Typ Verweigerer vor, der die drohende Frage aus verschiedenen Gründen so lange aufschiebt, bis die Uhr der Partne- rin schon lange nicht mehr tickt. Dann heißt es entweder: jüngere Frau, oder kinderlos bis ans Ende. Zeugungsverweigerer können oder wollen sich nicht für Nachwuchs entscheiden, weil sie zu lahm sind, weil sie ihre Freiheit und ihren Spass nicht aufgeben wollen - schliesslich will ich auch noch mit 50 Playstation mit meinen Kumpels zocken, weil sie kein positives Bild von Familie haben. Was auch immer der Grund ist: Mit solchen Männern ist nicht gut Kinderkriegen. Ich weiss, dass so kurz vor dem Weltuntergang das Thema "Schwangerschaft" schon längst keine Sache mehr ist, da die ganze Welt schon in einer wilden Orgie verfangen ist, ähnlich wie in der Schlussszene von Das Parfüm. Trotzdem versuche ich eine Liste mit No-Gos aufzustellen. Manche sehen ihren Fehler, die sie gemacht haben vielleicht ein...



5 Männertypen, von denen Sie lieber nicht schwanger werden sollte:

  1. Das Kind: Er will selbst versorgt werden und braucht von seiner Frau entsprechenden Zuspruch. Dieser Mann beschäftigt sich vorzugsweise mit sich selbst und wird nie lernen, wie man Fläschchen gibt, weil er selbst eine Flasche ist. Und gerne Playstation zockt. Und einen Golf....GTI fährt.
  2. Der Spätzünder: Er verschiebt Kinder gern auf einen späteren Zeitpunkt – nämlich bis zur nächsten Frau. Wenn Sie das merken, haben Sie ihm bereits Ihre zehn fruchtbarsten Jahre geopfert.
  3. Der Dagobert Duck: Von ihm sollten Sie sich fernhalten. Sobald er erfährt, dass Sie schwanger sind, erstellt er Ihnen erst mal einen Fünfjahresplan, wie im Kommunismus, wie Sie das durch Ihren Arbeitsausfall verlorene Geld wieder reinholen. Er selbst ist aber Couchpotato.
  4. Der Wankelmut: Ein Kind? Das findet er im ersten Moment geil. Doch dann packen diesen Kerl die humanen Zweifel. Lassen Sie sich nicht einschüchtern. Als Schwangere haben nur Sie selbst ein Anrecht auf plötzliche Stimmungsschwankungen (diese kommen aber auch sonst vor), Heulanfälle und unlogische Argumentationsketten. 
  5. Das Arbeitstier: Falls Sie Ihre Kinder allein grossziehen wollen, dann ist er Ihr Mann! Wenn Sie einen Partner suchen, den Sie erst in den Rentenjahren richtig kennen lernen werden, und der die Namen Ihrer zwei Kinder regelmässig verwechselt (selbst wenn es sich dabei um Tochter und Sohn handelt), dann – und wirklich nur dann! – sollten Sie sich diesen Mann angeln. Sie werden immer alleine ins Bett gehen.

Die Frauen sind aber nicht besser! Schwarze Mutterschafe gibt es überall. 


5 Frauentypen, auf deren Bauch Mann nicht zählen kann:

  1. Die Mama: Sie kocht gut. Sie putzt hervorragend. Sie ist die perfekte Hausfrau – Sie haben Ihre Mutter geheiratet. Aber will man wirklich mit seiner Mutter Kinder haben? Habe wohl gerade die Grauzone betreten...räusper
  2. Die Unentschiedene: Sie kann nichts alleine entscheiden. Das wäre ja noch zu ertragen, wenn sie Sie um Rat fragen würde. Aber wenn ein Problem auftritt, ruft sie immer ihre Mutter an – oder ihre beste Freundin, auch bekannt unter "Die grösste Bitch des Jahrhunderts", mit der Sie aber schon immer ins Bett wollten...
  3. Das Betthupferl: Jaaaa, mein Lieber! Wo haben Sie sich diese Süsse denn aufgerissen? Sie kann ja nicht mal alleine aufs Klo gehen, weil sie dann nicht weiss, wo sie beim Pinkeln ihre Bottega Veneta (Für die, die BV nicht kennen: Designertaschen, deren "Logo" das ineinanderverflochtenes Leder ist) hinstellen soll. Diese Frau ist für den Job als Ehefrau/Mutter ungefähr so geeignet wie ich als Romantiker.
  4. Die Shikki-Mikki: Bevor diese Frau sich mit einem Baby die Figur ruiniert, friert die Wüste zu. Also begraben Sie Ihre Träume vom gemeinsamen Wunschkind. Den 90-60-90-Körper bewundern können Sie noch paar Jahre...
  5. Die Powerfrau: Wenn etwas in ihrem Bett vibriert, ist es ihr BlackBerry Bold 9900. Sex allein ist schon schwierig im Terminkalender unterzubringen (vorbuchen erwünscht), aber mit dieser Frau Kinder zu bekommen, heisst, sich auf ein Dasein als alleinerziehender Vater einzustellen. Denn sie würde selbst aus dem Wechseln der Pampers eine Win(del)-Win(del)-Situation machen. Haha, war das nicht ein tolles Wortspiel...
Wenn es uns schliesslich doch gelungen ist, die Reproduktion mit einem Partner zu vereinbaren, kommt der Nachwuchs nicht mit dem Storch angeflogen – nein, man muss sich erst noch zum ernst gemeinten Zeugungsakt ohne Weichteilschutz durchringen. Die härtesten neuen Monate des Lebens warten auf Sie!

War die Fusion Kaulquappe und Kaviar wider Erwarten erfolgreich, dann haben wir trotzdem Probleme, sich mit der Elternrolle abzufinden. Der Ernst des Lebens geht uns ab, und so wollen wir auch in der Kindererziehung stets Spass haben. Wir wollen viel lieber die Freunde unserer Kinder sein anstatt spiessige Mütter und Väter. Denn wir wissen: Freunde dürfen auch mal was falsch machen. Und sie werden gemocht. "Freunde" klingt nach Spass und nicht nach anstrengender Erziehung. Wenn wie wir schon wissen, ist die Erziehig doch nicht so leicht, dass sie schwebt... Wir möchten keinesfalls die Bestimmer sein. 

Wenn das Küken erst mal geschlüpft ist, fangen die Probleme für uns deswegen erst richtig an. Gut, wir haben uns zu einer Entscheidung durchringen können, oder sie ist uns durch ein dummes Missgeschick abgenommen worden. Im besten Fall wollten wir das Kind, und jetzt haben wir eins. Aber was nun? Es erwartet doch wohl keiner von uns, dass wir die kleinen Gesichtpinkler auch noch eigenhändig erziehen. Tagesmütter ahoi! Oder etwa doch? Nur dumm, dass wir davon keinen blassen Schimmer haben. Unsere Eltern oder Grosseltern, die uns mit Rat und Tat zur Seite stehen könnten, haben entweder gerade entdeckt, wie schön es sein kann, dass keiner mehr Ansprüche an einen stellt, oder sie wohnen Hunderte von Kilometern weit weg. Also müssen wir mit den jaulenden Kleinen allein fertig werden. 


"What the fuck have you done lately?" 

- James McAvoy als Wesley in "Wanted" 

 

Am Schluss noch viel Vergnügen am Weltuntergangstag und bis im nächsten Leben.

Sonntag, 21. Oktober 2012

6. Kleiner Beschiss, grosser Karrieresprung – Das Marketing der Idioten

Seit Semesterbeginn beschäftige ich mich mit der entscheidenden Frage (im Leben): "Wie finde ich eine Stelle?" Im Verlaufe der 5 oder 6 vergangenen Wochen habe ich mir einige Theorien (keine wissenschafliche, die Sie mit Karl Popper falsifizieren können...) aufgestellt, die sich aber in der richtigen Welt als durchaus unbrauchbar entpuppt haben...
 
Wer Adriana (Vorname der Redaktion bekannt...oder  so ähnlich) kennen lernt, hält sie zunächst für eine knallharte Karrierefrau. Zweiunddreissig Jahre ist sie alt und weiss bereits um das Geheimnis, wie man sein Halbwissen geschickt zu einem bewundernswerten Portfolio unwandelt. Dabei ist sie nur scheinkrass – und fährt trotzdem gut damit.

Wie die meisten Angehörigen der Generation Doof lässt sie es im Büro gemächlich angehen: Den grössten Teil des Tages verbringt sie damit, so zu tun, als wüsste sie genau, was sie tut – auch wenn sie öfter mal im Dunkeln tappt. Den Rest der Zeit gibt sie sich alle Mühe, den Eindruck zu vermitteln, sie sei unersetzlich. Zwei Kernstrategien, wenn man sich den mühsam erkämpften Job für längere Zeit sichern will. 

Adriana ist Senior Project Manager in einer zürcher Presseagentur. Die Stelle hat sie nach diversen Praktika in einem 'harten' Auswahlverfahren bekommen und musste schon da ihr ganzes schauspielerisches Talent aufbieten – das Posen als Könner begann für sie bereits mit dem Anschreiben in der Bewerbung. 

"Ich hab als Praktikantin schnell gelernt, dass man am ehesten Karriere macht, wenn man den Leuten erzählt, was sie hören wol- len", verrät Adriana mir. Sie hat recht! Daraufhin hat sie die Schlüsselwörter der Stellenausschreibung auswendig gelernt, diese den Personalleitern im Gespräch vor die Füsse geworfen, und die haben den Köder höchst erfreut geschluckt.


Geholfen hat wahrscheinlich auch, dass Adriana ihren Lebenslauf vorher ein wenig aufpoliert hatte: Aus den drei Wochen Schüleraustausch in den USA wurde ein einjähriges Highschool-Jahr; aus dem Japanischgrundkurs in der Schule wurden 'gute Japanisch- Kenntnisse in Wort und Schrift'; und die Tätigkeit als Basketball- Jugendtrainerin funktionierte sie kurzerhand in 'die Organisation des Vereinsbereichs Basketball' um, damit Soziales und Führungskompetenz nicht zu kurz kamen. 

Alles nicht völlig erlogen, aber ziemlich geschönt. Warum? "Erstens muss ich mich besser präsentieren als alle anderen", erklärt sie mir. "Zweitens muss ich ja irgendwie meine Wissenslücken und die fehlende Praxis verstecken." Nur so hatte sie eine Chance gegen Mitbewerber, die bereits mehr Berufserfahrung mitbrachten und zum glück noch schlechter aussahen (den Decknamen 'Adriana' habe ich nicht zufällig gewählt...).

Tricksen, Tarnen, Täuschen – die berühmten 3Ts des "neuen Marketingmix". Wer nur mit einem mittelmässigen Abschluss die Fachhochschule oder Universität verlässt, muss sich eben etwas Besonderes einfallen lassen, um an einen Job zu kommen (Das gilt auch für die HSG, liebe UZHler...). Viele Nichtskönner wie ich verschanzen sich daher gerne hinter der Fassade eines High-Potentials. "Das Problem ist, dass manche davon dann auch glau- ben, kompetent zu sein", meint Prof. Heinrich Wottawa, Psychologe und ordentlicher Professor an der Universität Bochum, in einem Interview mit dem deutschen manager-magazin über die Nichtswisser im Schlaupelz. Wir sind eben so überzeugend, dass wir sogar uns selbst von unserer Darbietung täuschen lassen. 


»Wer nur die Hälfte weiss, weiss gar nichts.«
Capital


Viele von uns verlassen als Prof. Dr. eidg. Dipl.-Ing. Vollpfosten den Hörsaal oder als ausgebildeter Zeitvertreiber die Werkhalle oder das Büro und verstehen nicht allzu viel von dem, was sie nun da draussen in der harten Berufswelt sollen. Und wer um seine Schwächen weiss, wird diese stets geschickt tarnen. So wie meine hübsche Freundin Adriana gehen daher viele Bewerber ihre Karriere an. Denn eines haben wir aus der Werbung (und nicht an der Universität) gelernt: Die Verpackung zählt, nicht das Produkt! Gute Beispiele sind manche Apple-Produkte und durex-Kondome. Über achtzig Prozent der Bewerber sind eine Mogelpackung – sie lügen, dass sich die Balken biegen, haben Psychologen der Universität Massachusetts ermittelt. "Sei einfach du selbst - Be Yourself" – diesem Motto folgen nur noch die Dümmsten und werden bei ABB, Siemens & Co. schon beim Vorcasting aussortiert. Ehrlich hartzt am schnellsten.
Von völlig übertriebenen Selbstdarstellungen kann auch meine Freundin, die Personalleiterin Corinne berichten. Gerade um die Top-Jobs in Medienunternehmen bewerben sich immer wieder unverfrorene Schaumschläger. Besonders achtet sie auf Phrasenschleudern, also Menschen, die herausheben, wie 'flexibel und teamorientiert' sie sind, dass sie ständig eine 'neue Herausforderung suchen' und so 'belastbar und engagiert' sind, dass man getrost einen Lastwagen auf ihnen parken könnte.

"Wenn du an einem Interviewtag acht solcher Bewerber durchschleusen", erklärt Corinne, "dann bist du am Ende genauso schlau wie vorher. Wer nur die Stellenausschreibung auswendig herbetet, verrät nichts über seine wahre Persönlichkeit." Viele Jobsuchende kommen Corinne daher mittlerweile wie billige Abziehbilder vor: Alle können dasselbe, wollen dasselbe und scheinen dieselbe Person zu sein – nur die Haarfarbe und das Geschlecht ändert sich von Gespräch zu Gespräch. Individualität ist Mangelware geworden. 
 
Doch die wenigsten stehen wirklich hinter dem, was sie da behaupten. "Ich frage die Bewerber immer, ob sie schnell gelangweilt sind, weil sie ständig neue Herausforderungen suchen", sagt Corinne schmunzelnd. "Die meisten kommen dann in arge Erklärungsnot."
Besser ist es also, sich erst gar nicht beim Mogeln ertappen zu lassen. Oder man bereitet sich auf Nachfragen so gut vor, dass man dem Personalchef gleich die Breitseite zeigen kann. Adriana hatte sich für ihr Vorstellungsgespräch bestens gewappnet. Auf die Frage, was Flexibilität denn für sie bedeute, hat sie ihrem Wunsch-Brötchengeber erst mal gut ein halbes Dutzend Städte aufgezählt, in denen sie in den vergangenen zehn Jahren gelebt haben will. Natürlich hat sie auch hier die Wahrheit wieder ein wenig zu ihren Gunsten frisiert: In Hamburg, einem der angegebenen Orte, wohnt beispielsweise ihre Großmutter. Die besucht sie jedes Jahr drei- oder viermal, oft eine ganze Woche. Auf zehn Jahre verteilt kommt da schnell ein ganzes Jahr Hamburg-Aufenthalt zusammen – wenn man so großzügig ist wie Adriana. Und das ist ja dann nicht wirklich gelogen, oder? 

Adriana hat es auf diese Weise jedenfalls zu ihrem Traumjob gebracht, ohne allerdings zu ahnen, dass es grosser Anstrengung bedarf, jeden Tag erneut allen etwas vorzuspielen. Die Agentur, in der sie arbeitet, residiert in einem Grossraumbüro in Küsnacht, abgetrennte Einzelbüros gibt es nur für die Mitglieder der Geschäftsführung.

Adriana kann ihre Kollegen daher gut im Auge behalten – und die beobachten umgekehrt auch sie genau. "Manchmal komme ich mir vor wie ein Schauspieler auf einer Theaterbühne", sagt sie mir und lächelt süffisant. "Jeder versucht, sich mit einer Aura der Unfehlbarkeit und Wichtigkeit zu umgeben. Da muss man schon zwangsweise mitmachen."

Zu Beginn ihrer Tätigkeit in der Agentur hatte Adriana noch einen recht geregelten Tagesablauf. Sie stand um sieben auf, nahm sich Zeit, um sich bereitzumachen und in Ruhe zu frühstücken, dann fuhr sie zur Arbeit und sass gegen neun Uhr an ihrem Platz. Nach einer Weile stellte sie fest, dass die meisten Kollegen zwar ebenfalls überpünktlich waren, aber im Büro erst mal frühstückten. Die meistgestöhnten Sätze waren: "UI nei, hüt hanis wieder nöd gschafft!", "Macht mir gar nichts aus, beim Frühstücken zu arbeiten", "Ich ess eh nicht so viel", oder "Das hier ist dringend, da hab ich schon zu Hause dran gesessen. Ich hab einfach keine Zeit für ein Fünf-Gänge-Menü." Manche haben durch den Kaffeegenuss beim Bürofrühstück in zwei Jahren bereits vier Tastaturen verschlissen.
Dieses Verhalten und die passenden Wortmeldungen zur Frühstücksorgie sollen zeigen: Ich bin so wichtig – für ein spiessiges Frühstück daheim habe ich einfach keine Zeit. Ich bin engagierter als andere und nehme meine körperlichen Bedürfnisse nicht so ernst. Ich mach das nebenbei! 

Inzwischen hat sich auch Adriana angewöhnt, in der Agentur zu frühstücken. Und sie hat noch etwas dazugelernt: Nach der Frühstückszeremonie sollte man gleich mit der Klagewelle beginnen. "Oh, Mensch, das gibt’s doch nicht: sechzig neue Mails! Wie soll ich das denn packen?!" Anfangs hat sich Adriana immer gewundert, warum sie höchstens fünf bis zehn neue Mails hatte und die auch in einer Viertelstunde abgearbeitet waren. Irgendwann ist ihr klar geworden, was sie falsch macht: Sie zählt alle Mails mit...

Der Klagende wird als besonders wichtig und beschäftigt wahrgenommen. Hinter der Botschaft verbirgt sich nämlich der Subtext: Macht ihr nur euren Pipikram – ich bewältige die Mailflut schon und rette so das Unternehmen vor dem sicheren Konkurs. Verlasst euch drauf. Es wäre allerdings nett, wenn ihr mich mit weiteren anstrengenden Aufgaben verschonen würdet.
Fortgeschrittene ergänzen diese kleine Showeinlage durch eine fulminante Multitasking-Nummer, die sich am besten über den ganzen Tag erstreckt. Dazu sollte man möglichst viele Aufgaben gleichzeitig anfangen, aber keine zügig zum Abschluss bringen. Optisch und akustisch unterfüttert man den selbst inszenierten Stress am besten mit passenden Begleitmaßnahmen: unkontrolliertes Herumklicken mit der Maus, Stöhnen und verdrehte Augen, oder Stossgebete wie: "Herr, lass Hirn regnen, alles Deppen da draußen." 

Zwischendurch sollte man auch immer wieder unerwartet aufspringen, mit gehetztem Blick aus dem Zimmer stürzen und den Gang hinuntergaloppieren. Die dadurch gewonnene Zeit kann man mit einer Zeitung auf dem Klo verbringen. Sollte einem unterwegs der Chef begegnen, hält man am besten die Luft so lange an, bis man einen roten Kopf bekommt. Signalwirkung für den Vorgesetzten: Sein Mitarbeiter leidet stressbedingt an Bluthochdruck und opfert sich bis zum Kollaps für das Unternehmen auf.
In Wahrheit sollte man sich natürlich bei der Arbeit zurückhalten und vor allem nicht alles selbst erledigen. Hoppla, jetzt komm ich – der Delegator! 



Zum Schluss noch ein kleiner Auszug aus dem Langenscheidt Wörterbuch Wirtschaft - Idiotisch:



Es ist signifikant, dass sich jeder auf seine Kernkompetenz fokussiert.
So richtig Ahnung von eurem Job habt ihr alle nicht, oder? 

Der Senior Assistant to the Board wird das Reengineering des Workflows supervisen.

Irgendwas läuft hier nicht rund, aber keine Ahnung, was. Der Typ, dessen Namen ich vergessen hab, soll die Suppe auslöffeln. Aber frag mich nicht, was der machen soll! 


Sorry, du solltest deine Contenthaltung optimieren.
Los, räum endlich mal deinen Saustall auf. 

Für das Incentive sollten wir eine Corporate Identity als Eyecatcher für die Face-to-Face-Kommunikation andenken.

Kommt, auf der Firmenfeier verkleiden wir uns alle. Da stehen die Weiber drauf und dann geht’s zur Sache! 


Die Hospitality war beim Joint Venture ein wenig zu interaktiv!
Hören Sie auf unsere Geschäftspartner zu befummeln! 

Nach dem Briefing sollten wir die Basics dann in das neue Branding implementieren.
Okay, wenn wir mit dem Gelaber fertig sind, muss irgendwer den ganzen Quatsch umsetzen. 


Der Produktivität unseres Unternehmens mangelt es an der Reliability.
Wir sind so was von am Arsch. 



Fortsetzung folgt.... und vielen Dank fürs Lesen ;)